Lernen

Im Twisted Tales-Universum ist nichts verdreht

Von Kristina Tešija

 

Im Twisted-Tales-Universum ist nichts verdreht; alles ist genau so, wie es sein sollte.

An die gebundene Ausgabe des „verdrehten“ Märchens Cinda Real (Dora Vagić und Sara Božanić) gelangte ich eher zufällig, als praktische Lösung des Problems „Was schenke ich den Kindern meiner Freund*innen?“. Vielleicht eine Geschichte, die sich das Märchen Cinderella (die Disney-Adaption des Grimmschen Klassikers Aschenputtel) vornimmt und eine Alternative dazu entwirft, die zudem bereichert wird durch verspielte, traumgleiche und doch so greifbare Illustrationen (Dalibor Kazija)? Dieses Buch erschien mir sofort als eine ausgezeichnete Wahl für Jungen und Mädchen, die zu einfühlsamen und mutigen jungen Menschen heranwachsen sollen.

Irgendwo habe ich einmal die Behauptung aufgeschnappt, dass aus lesenden Kindern später denkende Erwachsene werden. Ich habe diesen wohlklingenden Satz oft benutzt, um meine Schüler*innen zum Lesen zu animieren, aber inzwischen frage ich mich immer öfter: Wie können wir dafür sorgen, dass Kinder zu Menschen heranwachsen, die nicht nur denken, sondern auch fühlen und mitfühlen? Welche Geschichten sollten wir ihnen auf welche Weise erzählen, wie ermutigen wir sie dazu, ihre eigene Geschichte zu erzählen, aber auch denen zuzuhören, die anders sind, den Geschichten anderer, und sich in ihnen wiederzufinden?

Nachdem ich das Bilderbuch Cinda Real fertig gelesen hatte, besuchte ich die auf dem Rückdeckel des Buchs genannte Website von Twisted Tales und entdeckte dort ein ganzes Universum voller Ideen, die mir mit diesen Fragen weiterhelfen können. Auf der Suche nach Antworten entschied ich, mich dem Projekt subjektiv zu nähern und es aus unterschiedlichen eigenen Perspektiven zu betrachten. 

1. PERSPEKTIVE: Als Kulturarbeiterin mit jahrelanger Erfahrung in der Konzeption und Umsetzung von Projekten auf nationaler und europäischer Ebene

Ich fange ganz allgemein mit dem Projekt selbst an. Was ist Twisted Tales? Aus welcher Idee ist es entstanden, und welche Früchte hat es getragen? Die Autor*innen selbst beschreiben Twisted Tales kurz und knapp als ein Projekt zur zeitgenössischen Neuinterpretation klassischer Märchen – ein Ausdruck, der einerseits an neuartige, innovative Ansätze denken lässt, andererseits aber auch reichlich Raum für einfallslose, bequeme und altbewährte Ansätze bietet.

Aus meiner Berufserfahrung weiß ich, dass im sich Laufe eines Projekts die ursprüngliche Idee oft in etwas völlig anderes verwandelt – unter dem Einfluss einer ganzen Reihe von Faktoren: etwa eine nur teilweise oder nicht ausreichende Finanzierung, zu viel Verwaltungsaufwand, Arbeitsdynamiken und Veränderungen im Projektteam, Schwierigkeiten bei der Suche nach qualifizierten Mitwirkenden, aber auch nach Teilnehmer*innen für die Projektaktivitäten.

Ich verrate euch ein Geheimnis: Um sich erfolgreich für (europäische) Kulturprojekte zu bewerben und diese umzusetzen, ist es nicht zwingend nötig, Expert*in für das Thema des Projekts zu sein. Nicht selten werden Projekte von Projekt-Profis durchgeführt – Leuten, die dem Kunst- und Kulturbereich eng verbunden sind, aber im Laufe der Zeit eher pragmatisch geworden sind. Diese Leute können im Projektjargon denken, sie können jede Idee in einen Text übersetzen, der den Anforderungen des Antragsformulars entspricht. Für sie ist es in erster Linie ein Job, mühelos produzieren sie Formulierungen wie „zeitgenössische Neuinterpretation klassischer Märchen“, nur leider bleibt von ihnen, sobald das Projekt beendet ist, – ich wage es zu schreiben – oft nichts als einen Haufen digitaler Altlasten und Müll. 

Deshalb genügt es nicht, nur an den Namen und die Beschreibung des Projekts, an die Projektidee und den Projektjargon zu glauben. Diese sind verführerisch und trügerisch und in Wahrheit nichts als ein Feigenblatt, das die Unzulänglichkeiten in der Methodik, in der Umsetzung und im Inhalt verdeckt. Stattdessen sollte man sich das anschauen, was Kultur-, Kreativ- und Bildungsprojekte für Kinder und Jugendliche regelmäßig hinterlassen: Wie lang ist die Lebensspanne der Materialien, wen erreicht man damit und was haben Kinder oder Jugendliche letzten Endes davon?

Das Paket, das mit der Umsetzung von Kulturprojekten für Kinder und Jugendliche üblicherweise einhergeht, umfasst oft den obligatorischen Druck einfallsloser Broschüren, in denen auf Logos und Disclaimer mehr Wert gelegt wird als auf den Inhalt, sowie die Erstellung von Websites und Social-Media-Profilen, deren Lebensdauer gerade so lang ist wie die Dauer des Projekts, die anschließend als digitales Relikt zurückbleiben und als Nachweis dafür dienen, dass „eine Maßnahme tatsächlich stattgefunden“ hat. Was außerdem bleibt, sind Belege in Form von Papier, Anwesenheitslisten, offiziellen Fotos, aber auch das Gefühl, das prekäre Kulturarbeiter*innen nur zu gut kennen: dass viele Projekte bloß mechanisch durchgeführt werden und der einzige tragende Gedanke, nachdem die Projektmittel bewilligt wurden und die Durchführung beginnt, scheinbar darin besteht, das Ganze möglichst schmerzfrei zu Ende zu bringen. 

Betrachten wir die Resultate des Twisted-Tales-Projekts, wird schon beim ersten Besuch der Website sowohl die Idee als auch die Vision deutlich, während die im Laufe des Projekts entstandenen Materialien spielerisch und leicht zugänglich präsentiert werden. Besucher*innen, die mit klassischen Projektwebsites vertraut sind, dürfte das Fehlen von Projekt-Jargon und Texten, wie sie in Anträgen und Berichten zu finden sind, überraschen. Hier finden sich keine Biografien der Projektverantwortlichen, keine generischen Beschreibungen von beteiligten Organisationen und Institutionen. Die Vision und die Idee sind nicht bloß Worte auf Papier, sondern sie werden durch wohlüberlegte Inhalte umgesetzt, die auf ihre wichtigste Aufgabe reduziert sind: nämlich das Interesse der Besucher*innen am Twisted-Tales-Universum zu wecken.

Das eingangs erwähnte Bilderbuch ist nur ein Teil dessen, was das Projekt hervorgebracht und auf der Webseite zugänglich gemacht hat: ein Animationsfilm, Märchen zum Anhören, Original-Musik, eine selbst entwickelte kreative Lernmethode, die mittels Materialien für Pädagog*innen und Eltern verfügbar ist, eine Handy-App … Wichtiger als die Analyse all dieser Materialien erscheint mir aber etwas anderes: nämlich die innovativen Überlegungen darüber, wie und in welcher Form das kostbare Material von Twisted Tales genutzt werden kann. Denn es handelt sich dabei nicht bloß um erfundene Geschichten mit einem Anfang und einem Ende – sondern man kann sie anschauen, anhören, sie umschreiben und für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen nutzen. Die *twisted Tales* sind kein Kanon, und sie geben sich auch nicht unantastbar. Der Kanon ist verknöchert und durchsetzt von patriarchalischen Mustern, die wir erwachsenen Kinder als falsch und letzten Endes unnötig erkennen. Die Twisted Tales hingegen verschwinden nicht mit dem Ende des ursprünglichen Projekts – vielmehr besitzt jedes Märchen das Potential, sich in Hunderte neuer Märchen zu verwandeln, denn partizipative Methoden waren von Anfang an als Prinzip in die Methodik eingeschrieben. Damit kommen wir zur nächsten Perspektive …

 

2. PERSPEKTIVE: Als Lehrerin mit Erfahrungen in Bildungseinrichtungen und Leiterin diverser Programme zur Kulturbildung

Machen wir uns nichts vor: Bei der Ausarbeitung von Projektvorschlägen ist Partizipation schon lange keine Empfehlung mehr, sondern Voraussetzung für jegliche Kooperation mit einer beliebigen Gemeinschaft. Partizipation ist in Bildungs- und informellen Prozessen inzwischen so selbstverständlich, dass sie zum Schlagwort verkommen ist, und ich fürchte, dass wir dabei ihre ursprüngliche Bedeutung vergessen haben.

Wie also sieht ein partizipativer Prozess mit Kindern und Jugendlichen aus? In welcher Phase sollte man sie einbeziehen und wie? Wie viel Freiheit sollten wir ihnen geben? Wie erhalten wir die Struktur aufrecht und bringen die Geschichte / das Projekt zu Ende? Antworten auf diese Fragen finden sich in fast allen Materialien von Twisted Tales. Das Prinzip der Partizipation ist bei Twisted Tales fest verankert: durch die Gespräche mit Kindern, deren Ideen, Kommentare und Anmerkungen in das Projekt einfließen. Sie ist in den Illustrationen, Animationsfilmen, Stimmen, Sounds und Songs präsent. Und sie erstreckt sich nicht nur auf die vielen Kinder, die an der Umsetzung des Projekts beteiligt waren, sondern auf jedes Kind, das das Bilderbuch in die Hand nimmt (und am Ende des Buches leere Seiten vorfindet, auf denen es seine eigene Geschichte schreiben kann), die Handy-App öffnet (wo es die Möglichkeit hat, ein eigenes Audio-Märchen zu kreieren und aufzunehmen) oder an einem Workshop teilnimmt, der auf der von Sara Božanić und Nina Cigüt entwickelten kreativen Twisted-Tales-Lernmethode basiert.

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass auf der Projektwebsite die Namen von mehr als 150 Personen zu finden sind, die an der Erstellung und Produktion der zur Verfügung stehenden Inhalte beteiligt waren. Bei Twisted Tales sind die an diesen Prozessen beteiligten Kinder nicht bloß Zahlen auf Anwesenheitslisten oder numerische Indikatoren für eine erfolgreiche Umsetzung. Sie sind Autor*innen, ihre Namen sind wichtig, und jeder Beitrag, egal wie klein er auch sein mag, wird gewürdigt. Die aktiven Teilnehmenden – die Kinder, mit denen und für die das Projektteam die kreativen Prozesse durchlaufen hat – werden auf diese Weise zu Botschafter*innen des Projekts, verbessern aber auch bei sich selbst Fähigkeiten, die in der Dynamik der institutionellen Bildung oft übersehen werden. Ja, diese Kinder drücken sich kreativ aus, sie zeichnen, singen und erfinden ihre eigenen Geschichten. Aber mehr noch als kreative und erzählerische Fähigkeiten lernen sie aktives und einfühlsames Zuhören, das Denken außerhalb vorgegebener Rahmen und den Dialog mit denen, die wir – aus welchen Gründen auch immer – für anders halten.

3. PERSPEKTIVE: Als Kunstkritikerin und Kulturjournalistin

Obwohl ich sie erst an dritter Stelle nenne, kann ich dank der Perspektive, die mir meine Rolle als Kritikerin und Journalistin im Kulturbereich bietet, endlich über den Inhalt selbst sprechen, darüber, was Personen, die nicht direkt an der Umsetzung des Projekts beteiligt sind – Kinder, Jugendliche und die breite Öffentlichkeit –, daraus mitnehmen können.

Der Animationsfilm Cinda Real wurde auf über zwanzig Filmfestivals ausgezeichnet, und jede dieser Auszeichnungen verteilt sich auf Dutzende Beteiligter, die im Abspann aufgeführt sind. Ohne sie gäbe es diesen charmanten, berührenden und unprätentiösen Film nicht, eine Collage aus Ton, Bild und Erzählung, in der jedes Element gleich wichtig ist. Cinda zeigt uns körperliche Behinderung nicht als Hindernis, sondern als Herausforderung. Sie zeigt uns die Person hinter der physischen Erscheinung, auch wenn der Film sich in dieser Hinsicht einigen abgedroschenen Klischees nicht entziehen kann. So hat sich beispielsweise die Hässlichkeit der bösen Stiefmutter mit ihren scharfen Gesichtszügen, der großen Nase und der charakteristischen Warze erhalten – ein offensichtlicher Beweis für die frühzeitige Übernahme von Stereotypen, die der Schwarz-Weiß-Welt klassischer Märchen eingeschrieben sind. An dieser Stelle sei darauf verwiesen, dass sämtliche Figurenillustrationen Collagen aus Kinderzeichnungen sind. Wenn die böse Stiefmutter also eine große Nase hat, dann deshalb, weil Kinder der Meinung waren, dass sie eine haben müsse. Gelernt haben sie dies aus den Geschichten, die ihre Eltern und Großeltern ihnen vorgelesen haben, aus Bilderbüchern, die sie durchgeblättert haben, noch bevor sie auch nur ein einziges Wort lesen konnten. Ich frage mich, wie lange es wohl dauern wird, bis wir die imaginäre Analogie überwinden, die den Charakter mit äußerlicher Erscheinung gleichsetzt.

Und dennoch: Was an der Twisted Tale Cinda Real überrascht, ist die Herangehensweise an die Hauptfigur. Cinda ist hier keine eindimensionale Jungfrau in Nöten, und ihre körperliche Behinderung wird nie mit ihrem Charakter in eins gesetzt. Unsere Cinderella braucht wirklich keinen Prinzen, der sie rettet; alles, was sie braucht, findet sie in sich selbst. Sie geht zum Ball, weil sie es liebt, zu tanzen, und diese Liebe bricht schließlich erfolgreich mit dem Grundkonsens des klassischen Märchens, dem Sahnehäubchen am Ende, dem Versprechen romantischer Liebe und der „Erfüllung eines jeden Mädchentraums“: Als der Prinz Cinda einen Heiratsantrag macht, ist sie sichtlich überrascht und sagt weder ja noch nein. Stattdessen bekennt sie ihre Wahrheit: „Ich bin nur zum Tanzen hier.“ So schlicht und in einem Satz aus Fleisch und Blut sprengt Cinda das Klischee der Jungfrau in Nöten und wird zu einer Figur, mit der sich jedes Mädchen identifizieren und jeder Junge anfreunden will. Und sicherlich werden alle tagelang die eingängige Schlussmelodie des Films vor sich hinsummen – ein Lied, das – Überraschung! – ebenfalls eine Schöpfung der am Projekt beteiligten Kinder ist. 

Die anderen Twisted Tales, die als Lese- oder Hörfassungen in verschiedenen Sprachen verfügbar sind, hinterlassen ein ähnliches Gefühl. Der auktoriale Stempel auf jedem Märchen ist subtil, aber spürbar, so tief die Geschichten auch in den Märchen-Archetypen verwurzelt sein mögen. In den Figuren erkennt man Werte, Gefühle und Ängste, die man selbst vergessen oder verdrängt hat. Das neue Märchen von Hänsel und Gretel (Boris Bakal und Pavle Perković) berührt uns mit seiner Annäherung an die schweren Themen Verlust, Tod und Trauer und erinnert uns daran, wie oft wir vielleicht ungeduldig mit uns selbst waren und es zu eilig hatten mit unserem eigenen Trauerprozess oder dem anderer. Wir entsinnen uns, dass Kinder manchmal nur jemanden brauchen, der ihnen zuhört, dass sie oft nicht direkt sagen können, was sie belastet, dass sie aber immer ein Zeichen geben – sei es nun unschuldig wie ein Keks oder hart wie ein Stein. In ähnlicher Weise gemahnt uns Rotkäppchens zweite Begegnung mit dem Wolf (Marko Pejović) daran, wie wichtig es ist, Kinder und Jugendliche zu ermutigen, über negative und traumatische Erlebnisse zu sprechen, aber auch, dass wir Erwachsene sein wollen, denen sich Kinder gerne öffnen, weil sie sicher sind, dass wir sie respektieren und ihnen zuhören. Alen und die Wunderlampe (Miroslav Minić) lässt uns an Freunde aus der eigenen Kindheit denken, die anders waren, die nicht in die Jungsgruppe passen wollten, die aber etwas Anziehendes an sich hatten, so dass wir sie aus der Ferne bewunderten und uns nicht trauten, auf sie zuzugehen und uns auf ihre Seite zu stellen. Die Geschichte erinnert uns an den Druck, den wir empfanden oder vielleicht bis heute empfinden, unsere Eltern zufriedenzustellen und stolz zu machen, und an die Wahrheit, die, wie ich hoffe, jede*r Erwachsene irgendwann erkennt: dass Geld nicht das ersetzen kann, was uns antreibt, uns erfüllt, was wirklich uns gehört. Hingegen handelt Verena und die Schneekönigin (Marko Pejović) von den grausamen und einsamen Momenten, die für viele Kinder zum Alltag gehören. Kinder, die wie Verena auf irgendeine offensichtliche Weise anders sind, lernen aus persönlicher Erfahrung schon früh, dass die Welt voller Vorurteile, Grausamkeit und Gewalt ist. Dennoch zeichnet dieses Märchen die Welt nicht in Schwarzweiß, sondern fokussiert auf eine dramatisch angespannte und schwierige Situation – das Dilemma zwischen echter Freundschaft und sozialer Akzeptanz – und ermöglicht es Kindern so, über die Tragweite derartiger Dilemmata aus Verenas wie Konstantins Perspektive nachzudenken. 

Die größte Stärke der Twisted Tales besteht darin, dass sie sich schwierigen Fragen stellen, ohne dabei die einzig wahren und richtigen Lösungen anzubieten. Die Figuren haben Gelegenheit, die eigenen sowie die Handlungen anderer zu reflektieren, Mut und Vertrauen in sich selbst zu fassen, aber auch anderen die Möglichkeit zu geben, nachzudenken, ihre Meinung zu ändern, etwas zu lernen. Ja, dies ist vielleicht die wertvollste Botschaft, die wir Kindern mitgeben können: dass sie alles, was sie brauchen, in sich selbst finden können. Gleichzeitig müssen wir solche Botschaften mit Bedacht vermitteln, denn wenn wir dabei die Bedeutung des Anderen und unserer Unterschiedlichkeit, von Gemeinschaft und Kommunikation ausblenden, werden wir nichts erreichen, sondern zukünftige Jugendliche einer wertvollen Erkenntnis berauben: nämlich der, dass kein Kind eines anderen Kindes Konkurrent, Feind oder Wolf ist. 

 

PERSPEKTIVE #4: Als Schuldolmetscherin, die jahrelang mit einem tauben Jungen gearbeitet hat

Ich habe eine ganze Zeit meines Erwachsenenlebens auf der Schulbank verbracht, in der ersten Reihe am Fenster, neben einem gehörlosen Jungen, der dank eines Cochlea-Implantats mit Beginn der Grundschule zum ersten Mal hören konnte, aber auch zum ersten Mal mit gesprochener, geschriebener und Gebärdensprache in Berührung kam. Trotz wiederholter Versuche, den Lehrkräften zu erklären, dass in ihrer Klasse ein Junge sitzt, der, obwohl er stets lächelt, höflich ist und von seinen Mitschüler*innen allgemein gut akzeptiert wird, mit dem Stigma des Andersseins lebt, wurden kaum spürbare Anpassungen für ihn vorgenommen. Jahrelang rief die Lehrerin laut ihre Sätze, statt die grundlegende Gebärdensprache zu verwenden, die die anderen Kinder in der Klasse recht schnell beherrschten. Das Schulpersonal sprach regelmäßig mich an und ignorierte den Jungen, und bald schon wurde mir klar, dass es an mir war, die Unterrichtsmaterialien anzupassen und zu entscheiden, bei der Übersetzung das eine oder andere wegzulassen (wie soll man einem tauben Kind die biblische Geschichte vom Blinden übersetzen, der dank der Kraft seines Glaubens sein Augenlicht erhält?). 

Der Schüler, mit dem ich arbeitete, war anders aufgrund einer körperlichen Behinderung, und in gewisser Weise erwies sich diese Behinderung – so unpassend das auch klingen mag – im Verlauf seines Bildungswegs als Segen. Seine Schwierigkeiten waren messbar und beweisbar, weshalb er während seiner gesamten Grund- und Sekundarschulzeit eine Dolmetscherin im Unterricht hatte. Dabei begegnete ich im Schulalltag vielen anderen Schülerinnen und Schülern, die einfach anders waren in ihren Interessen, ihrer Art zu lernen oder zu kommunizieren. Die Unterschiede waren vielleicht nicht messbar wie der Taubheitsgrad, aber ihr Verhalten im Unterricht zeigte mir deutlich, dass sie in der Umgebung, in der sie täglich mehrere Stunden verbrachten, ihre Schwierigkeiten hatten. In gewisser Weise wurde ich so zur persönlichen Assistentin einer Handvoll verschiedener Kinder; Kinder, die das Einmaleins nicht lernen, aber stundenlang über Haiarten oder Städte in Australien reden konnten. Manche kamen mit der kroatischen Syntax schwer zurecht, konnten aber mühelos komplexe Sätze im Englischen bilden. Meine Aufgabe bestand darin, mir die Geschichten anzuhören, die sie sonst niemandem erzählen konnten, Geschichten, die sonst als Störung des Lernprozesses oder Tagträumereien abgetan worden wären, die in der Schule nichts zu suchen hatten. 

Die Twisted Tales richten sich vielleicht an Menschen, die aufgrund von sichtbaren, messbaren Schwierigkeiten anders sind oder stigmatisiert werden, aber darüber hinaus vermitteln sie eine noch viel wichtigere Botschaft – eine Botschaft, die über die Einschränkungen dieser Kinder hinausweist und die „normalen“ Kinder anspricht, die sich problemlos in ihr Umfeld einfügen. Und die Botschaft lautet: Wir sind alle anders. Es gibt kein gutes oder schlechtes „Anders“. Unterschiede sind die Grundlage unserer Persönlichkeiten, und wenn wir nur tief genug in uns hineinblicken, werden wir sehen, dass wir uns auch in denen wiedererkennen, die scheinbar vollkommen anders sind als wir, und auch in jenen, die wir überhaupt nicht zuordnen können und die wir vielleicht einfach „komisch“ finden. 

PERSPEKTIVE #5: Als jemand, die Stigmatisierung aufgrund ihrer äußerlichen Erscheinung erlebt hat

Obwohl dieser letzte Ansatz unzulässig emotional erscheinen mag, möchte ich als jemand sprechen, die in den verletzlichsten Jahren ihres Heranwachsens täglich aufgrund ihres Äußeren stigmatisiert wurde. Und das Traurigste dabei ist: Mein schlimmster Feind dabei war ich selbst. 

Von meinen sechsunddreißig Lebensjahren lebte ich nur die ersten Monate mit einem glatten Gesicht, ohne das Hämangiom, das fortan mit seinen violetten, geschwollenen Fäusten meine Unterlippe, die rechte Seite meines Gesichts und mein rechtes Ohr umklammert halten würde. Zu sehen, dass du anders bist, und zu wissen, dass deine größte Schwachstelle für alle sichtbar ist – und nicht nur für die, denen du sie offenbaren möchtest –, das ist, wie ich erst später lernen sollte, wahrlich eine isolierende Erfahrung, die einen trotz emotionaler Weiterentwicklung und Arbeit am Selbst nicht loslässt.

Ich wuchs in einem unterstützenden familiären Umfeld auf, weshalb ich mit einem geradezu ansteckenden Selbstbewusstsein zur Schule ging. Meine Erinnerungen an die Grundschulzeit sind alles andere als grau; jeder gemeinen Bemerkung begegnete ich entweder mit Humor, indem ich sie ignorierte oder indem ich meinen Wert auf allen möglichen Gebieten unter Beweis stellte. Mit diesem Ansatz wurde ich natürlich das „perfekte Kind“, unter dessen Würde es war, zu weinen, Verletzlichkeit zu zeigen oder sich, trotz aller Bemühungen, dazuzugehören, anders zu fühlen. 

Ich erinnere mich an das seltsame, überwältigende Gefühl der Erleichterung, als ich als Studentin im Alter von 25 Jahren zum ersten Mal ein Mädchen traf, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatte wie ich. Ich verspürte ein Hochgefühl (Ich bin nicht alleine!) und zugleich unglaubliche Wut (Diese Erkenntnis bedeutet mir jetzt in diesem Alter überhaupt nichts mehr!). Wie war es möglich, dass es in der gleichen Stadt, zur gleichen Zeit (Anfang der 1990er Jahre) eine Gleichaltrige mit den gleichen Problemen gab, wie ich sie hatte? Warum waren wir uns nie begegnet? Wieso hatte ich den Begriff „Hämangiom“ nie außerhalb meiner Familie oder des Krankenhauses gehört? Weshalb gab es in den Schulbüchern keine Abbildungen von Kindern, die in irgendeiner Weise anders waren? Warum bestraften die Lehrer*innen regelmäßig Mobbing, widmeten aber den Themen Empathie, Verständnis, Akzeptanz und aktivem Zuhören keine einzige Stunde?

Dann hätte ich vielleicht leichter gelernt, womit ich mich noch immer schwertue: dass es okay ist, verletzlich zu sein, verletzt zu sein und über manches nicht hinwegzukommen. Ich versuche mich damit zu trösten, dass wir in einer Zeit leben, in der einige lange vernachlässigte und totgeschwiegene Themen endlich Aufmerksamkeit erhalten, aber ganz tröstet mich das nicht. Denn bestimmt sitzt auch heute irgendwo an einem wackeligen Tisch in einer abgelegenen Schule ein Alen, ein Ivan, eine Bianca oder eine Verena … Sie alle sind verletzlich auf ihre jeweils eigene Weise und alle auf ihre Weise mutig – eine Weise, die wie feiern sollten, über die wir schreiben und von der wir lesen sollten, so dass schon die Jüngsten lernen und spüren können, dass sie nicht alleine sind. 

Ich erinnere mich nicht an alle Märchen, die ich in meinem Leben gelesen habe, aber ich denke, ich würde mich erinnern, wenn eines davon die Themen behandelt hätte, die die verdrehten Märchen von Twisted Tales erkunden. Ich würde mich daran erinnern, weil ich mir sicher bin, dass es mein Lieblingsmärchen geworden wäre.